BUFUS-Info ist eine Zeitschrift, die sich mit allen Belangen des aquatischen Lebensraumes auseinandersetzt.

 

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BUFUS-Info ist ein Teil des „Seminar Report“ ISSN 0256-4173, der am Institut für Zoologie an der Universität Salzburg erschienen ist.

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Unechte Karettschildkröten an Kretas Küsten

Frank Velte
Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaften, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Franfurt/M.
und Vivarium Darmstadt, 64287 Darmstadt
Marlin1904@aol.com


Allgemeines

Von den vier Arten von Meeresschildkröten, die im Mittelmeer vorkommen, ist die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) mit Abstand die häufigste und bekannteste (Riedl 1983). Sie ist auch die einzige Meeresschildkröte, die an griechischen Küsten nistet (STPS 1993). Unechte Karettschildkröten fressen Quallen, Tunicaten, Seeigel, Schwämme, Mollusken, Krabben und Seegras (Arnold & Burton 1984, STPS 1993) und finden somit im Mittelmeer noch reichlich Nahrung. Zur Eiablage benötigen diese Meeresreptilien langgezogene und möglichst naturnahe Strände. Diese werden jedoch immer seltener und so wird Caretta caretta von der IUCN (International Union for the Conservation of Nature) gegenwärtig als gefährdet („endangered“) eingestuft (Marine Turtle Specialist Group 1996). Wichtige und bekannte Eiablagestrände im mediterranen Raum finden sich auf Zypern, in der Südtürkei und Libyen (Casale et al. 2009). Im griechischen Raum sind dies die bekannten Strände von Zakynthos, dem Peloponnes und jene auf Kreta. In Griechenland kümmert sich die Sea Turtle Protection Society of Greece (STPS) um den Schutz der Eiablagestrände, pflegt verwundete Tiere und betreibt Aufklärungsarbeit in den Urlaubszentren der griechischen Küsten. Auch auf Kreta ist die STPS präsent und schützt Gelege an den Stränden in der Bucht von Rethymnon, bei Chania und an den Stränden der Messaraebene (Kabisch 1996).

Die erste Begegnung

Die erste Unechte Karettschildkröte, der ich im Sommer 1997 begegnete, war ein totes Exemplar, welches rund 80 m vor dem Strand der Triopetra-Bucht an der Südküste der Insel trieb (Abb. 1, 2). Nachdem ich das tote Reptil inspiziert hatte, wurde es mit einem Bekannten an Land gebracht und vermessen. Das Tier wog etwa 80 kg und hatte eine Gesamtlänge von 108 cm. Die Länge des Carapaxes betrug, gerade gemessen, 74 cm (Velte 1997). Meist werden die „Carapaxlängen“ über den Rücken, „curved“ genannt, bestimmt (Casale et al. 2009). Diese Werte sind daher größer als die reale Carapaxlänge. Da der Schwanz kurz und recht schmal war, dürfte es ein weibliches Tier gewesen sein. Männliche Tiere haben eher lange und dicke Schwänze (STPS 1993). Da Caretta caretta im europäischen Bereich seines riesigen Verbreitungsgebietes eine Gesamtlänge bis 110 cm erreichen kann (Arnold & Burton 1984), war es wohl ein recht altes Tier. Eine Angelleine war um das rechte Vorderbein gewickelt. Das Reptil hatte sich wohl darin verfangen, wurde unter Wasser gezogen und ertrank. Obwohl mir befreundete Kreter berichteten, dass Fischer manchmal Meeresschildkröten, die in ihre Netze geraten erschießen, damit ihre Fanggeräte nicht zu sehr beschädigt werden, konnte man keine Schusswunde entdecken. Die Schildkröte wurde im Sand vergraben und der Fund und seine Lage der STPS mitgeteilt. Im August 2006 begegnete mir spätnachmittags beim Schnorcheln in der Triopetra-Bucht eine lebende Unechte Karettschildkröte. Das Tier hatte eine geschätzte Carapaxlänge von 50 bis 60 cm und schwamm langsam in einem Blockfeld umher. Es dürfte bei dieser Größe ein geschlechtsreifes Weibchen gewesen sein (Casale et al. 2009), welches vermutlich in der Nacht an Land gehen würde, um seine Eier abzulegen. Der August gehört im Mittelmeer noch zur Eiablageperiode (STPS 1993).


Abb. 1. Eine erste Inspektion der toten Unechten Karettschildkröte.


Abb. 2. Das Meeresreptil in Seitenansicht.

Ein toter Schlüpfling

Mitte Oktober 2007 fand ich nach zwei Tagen starken Sturms, am Strand der Triopetra-Bucht, fast einhundert Meter vom Meer entfernt, eine junge Unechte Karettschildkröte (Abb. 3). Vermutlich war das Tier nach dem Schlupf in den Sturm geraten und wurde an Land geschleudert. Ob es schon tot war oder dabei getötet wurde, lässt sich nicht sagen. Der Schlüpfling hatte eine Totallänge von 5,7 cm, eine, gerade gemessene, Carapaxlänge von 3,8 cm und eine Carapaxbreite von 3,1 cm. Rechnet man 60 Tage zurück, so lange dauert es bis aus den Eiern die jungen Schildkröten schlüpfen (STPS 1993), so dürfte das Muttertier im August ihr Gelege im Sand vergraben haben. Wie der überwiegende Teil frisch geschlüpfter Meeresschildkröten, erreichte auch dieses Tier nicht die Geschlechtsreife (Casale et al. 2007).


Abb. 3. Der tote Schlüpfling.

Ungestörte Nistgebiete

Man kann mit etwas Glück diesen urtümlichen Reptilien an den kretischen Küsten immer noch begegnen. Dennoch gelten auch auf Kreta die gleichen Bedrohungen für Caretta caretta wie in anderen Bereichen des Mittelmeeres. Die Verbauung der Strände scheint dabei noch das geringste Problem zu sein, da einerseits die STPS dortige Gelege bestens schützt und betreut sowie die Touristen aufklärt (Kabisch 1996) und andererseits der Tourismus auf Kreta rückläufig ist und in den letzten Jahren keine großen Hotelanlagen an langgezogenen Sandstränden gebaut wurden. Eine der Hauptbedrohungen bleibt aber die Fischerei, sei es als Beifang in den riesigen Netzen großer Fangschiffe, als zufällige Beute der Langleinenfischerei oder durch das direkte Abschießen (siehe oben) von Fischern auf kleinen Booten. Auch die Verschmutzung des Mittelmeeres wird immer mehr ein Problem für die Unechte Karettschildkröte, da diese zunehmend treibendes Plastik mit Quallen verwechseln und an den Folgen entweder ersticken oder Darmverschlüsse erleiden (STPS 1993). Glücklicherweise gibt es aber insbesondere an der Südküste Kretas und den vorgelagerten Inseln immer noch menschenleere Strände, die den Unechten Karettschildkröten als ungestörte Nistgebiete dienen (Abb. 4).


Abb. 4. Von menschlichen Aktivitäten unberührter Küstenabschnitt
in der Nähe von Kap Melissa, Kreta.

Literatur

Arnold, E. N. & Burton, J. A., 1984: Pareys Reptilien- und Amphibienführer Europas. Verlag Paul Parey, Hamburg.
Casale, P., Mazaris, A., Freggi, D., Vallini, C. & Argano, R., 2007: Survival probabilities of loggerhead sea turtles (Caretta caretta) estimated from capture-mark-recapture data in the Mediterranean Sea. Sci. Mar. 71: 365-372.
Casale, P., Mazaris, A., Freggi, D., Vallini, C. & Argano, R., 2009: Growth rates and age at adult of loggerhead sea turtles (Caretta caretta) in the Mediterranean Sea, estimated through capture-mark-recapture records. Sci. Mar. 73: 589-595.
Kabisch, K., 1996: Gefährdete Niststrände – Bedrohung der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) auf Kreta. TI Magazin 130: 64-66.
Marine Turtle Specialist Group, 1996. Caretta caretta. In: IUCN 2009. IUCN Red list of Threatened Species. Version 2009.1. www.iucnredlist.org.
Riedl, R., 1983: Fauna und Flora des Mittelmeeres. Verlag Paul Parey, Hamburg.
Sea Turtle Protection Society of Greece (STPS), 1993: Meeresschildkröten. Eigenverlag, Athen.
Velte, F., 1997: Schicksal einer Meeresschildkröte. DATZ 50: 749.