BUFUS-Info ist eine Zeitschrift, die sich mit allen Belangen des aquatischen Lebensraumes auseinandersetzt.

 

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BUFUS-Info ist ein Teil des „Seminar Report“ ISSN 0256-4173, der am Institut für Zoologie an der Universität Salzburg erschienen ist.

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Eupilema inexpectata – eine bemerkenswerte Qualle von der südafrikanischen Küste

Frank Velte
Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaften, Johan-Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/M. und Vivarium Darmstadt, Schnampelweg 4, 64287 Darmstadt.
Marlin1904@aol.com


Ein schöner Strand

Wilderness ist ein kleiner, etwas verschlafener, Ort an der südafrikanischen Küste, etwa auf halber Strecke zwischen Kapstadt und Port Elizabeth. Bekannt durch den Wilderness National Park, der eine kleine Gruppe von Küstenseen umfasst und den wunderschönen Wilderness Beach. Mit der erhöhten Küstenlinie, dem flachen Strand und der starken Brandung erinnert die Szenerie etwas an die kalifornische Küste (Abb. 1). Während einer Südafrikareise im Frühjahr 2005, damit im Herbst der Südhalbkugel, ergaben sich Begegnungen mit einer bemerkenswerten Qualle. Nach der abendlichen Ankunft im Quartier, ging es morgens an den Strand. Überraschenderweise war er auf einer Länge von ein paar Kilometern menschenleer. Von meinem Plan zu schnorcheln, rieten mir Einheimische eindringlich ab, „der gefährlichen Strömungen wegen“. So blieb es bei einer „Strandinspektion“, die auch so einiges über das marine Leben der Bucht verriet. Diverse Meeresschnecken und Muscheln, waren ebenso zu finden, wie Eikapseln von Rochen und Haien, Kadaver von Seevögeln, angespülte Indopazifische Portugiesische Galeeren (Physalia utriculus), sowie die größten Quallen, die ich je gesehen habe. Offensichtlich waren diese Tiere durch die starke Brandung an Land geworfen worden. Die meisten dieser Quallen, genauer gesagt Medusen, waren noch in gutem Zustand, wahrscheinlich wurden sie erst während der letzten Nacht an den Strand gespült und waren verendet. Andere Exemplare wiederum waren in verschiedenen Verwesungsstadien. Groß waren sie alle. Das in Abb. 2 zu sehende Tier hatte einen Scheibendurchmesser von ca. 40 cm (zum Vergleich ein Fußabtritt des Autors, Schuhgröße 45).


Abb. 1. Die Wilderness Beach von Westen aus gesehen.
Foto: F. Velte ©


Abb. 2. Ein offensichtlich frisch an den Strand gespültes Exemplar.
Foto: F. Velte ©

 

Eine kaum bekannte Qualle

Auf den ersten Blick erinnert Eupilema inexpectata, so der Name dieser Meduse, an die Ohrenqualle (Aurelia aurita). Der Schirm wirkt dick und stabil. Er ist weißlich transparent mit einem leicht blauen Farbstich. Auffallend ist das Fehlen von Tentakeln. In Südafrika wird Eupilema „Root-mouthed jellyfish“ genannt, also Wurzelmundqualle. Ihre Verbreitung umfasst, soweit man weiß, die Küsten und küstenfernen Meeresgebiete des südlichen Afrikas, von Namibia (Atlantik) bis nach Mozambik (Indischer Ozean) und den subantarktischen Bereich. Die meisten dieser Medusen haben einen Scheibendurchmesser von 30 cm, doch wurden auch schon Exemplare mit 1,50 m gefunden (Branch et al. 2002). Damit ist diese Art, die größte Qualle an südafrikanischen Küsten und eine der größten überhaupt. Sie wurde erst 1992 während einer umfassenden Untersuchung der Cnidarier-Fauna des südöstlichen Atlantiks entdeckt und beschrieben (Pagès et al. 1992). Wie bei allen Scyphozoen, zu denen Eupilema gehört, ist der Körper durch eine tetraradiale Symmetrie gekennzeichnet (Gruner 1984). E. inexpectata wird in die Familie Rhizostomatidae und damit in die Ordnung der Wurzelmundquallen (i. w. S.), also der Rhizostomea, gestellt. Wobei man nicht vergessen darf, dass diese Ordnung keine monophyletische Einheit darstellt, sondern wohl eher eine Sammelgruppe mit Gilden unterschiedlichster verwandtschaftlicher Beziehungen zu den Semaeostomea (Fahnenmundquallen) (Gruner 1984). Typisch für die Rhizostomen ist das stark entwickelte Mundrohr, welches durch Verwachsung der Mundlippen keinen zentralen Mund ausbildet. Die Nahrungsaufnahme geschieht über zahlreiche Poren-ähnliche Öffnungen (Sekundärostia), die daher nur Beute erlaubt, die im mikroskopischen Größenbereich liegt. Berührungen mit dieser Qualle sind für den Menschen nicht gefährlich. Es ist in Südafrika nicht ungewöhnlich, an den Strand gespülte “Root-mouthed jellyfishes“ zu finden (Branch et al. 2002). Das Schwimm-Verhalten und die Lage der Tiere im Wasser ähneln jenen der Ohrenqualle. Viel ist nicht bekannt über E. inexpectata und man darf auf weitere Erkenntnisse zu ihrer Biologie gespannt sein.

Literatur

Branch, G. M., Griffiths, C. M., Branch, M. L. & L. E. Beckley, 2002: Two Oceans – A guide to the marine life of Southern Africa. ABC Press, Kapstadt.

Gruner, H.-E. 1984: Lehrbuch der Speziellen Zoologie Bd. I: Wirbellose Tiere, 2. Teil: Cnidaria, Ctenophora, Mesozoa, Plathelminthes, Nemertini, Entoprocta, Nemathelminthes, Priapulida. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart.

Pagès, J. M., Gili, J. M. & Bouillon, J., 1992: Medusae (Hydrozoa, Scyphozoa, Cubozoa) of the Benguela current (Southeastern Atlantic). Sci. Mar. 56 (Suppl.): 1-144.