BUFUS-Info ist eine Zeitschrift, die sich mit allen Belangen des aquatischen Lebensraumes auseinandersetzt.

 

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BUFUS-Info ist ein Teil des „Seminar Report“ ISSN 0256-4173, der am Institut für Zoologie an der Universität Salzburg erschienen ist.

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Pazifische Seehunde (Phoca vitulina richardsi) an Kanadas Westküste

Frank Velte
Zoo Vivarium Darmstadt, Schnampelweg 5, 64287 Darmstadt und Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaften, Johann-Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M.
Marlin1904@aol.com


Die meisten Mitteleuropäer assoziieren Seehunde (Phoca vitulina) mit der Nordsee, dem Wattenmeer und Sandbänken. Allerdings hat der Seehund ein riesiges Verbreitungsgebiet im nordatlantischen und nordpazifischen Raum. Die Populationen an der Westküste des amerikanischen Kontinents repräsentieren die Unterart des Pazifischen Seehundes (P. v. richardsi). Dort kommen diese Robben von der Baja California bis nach Alaska und von dort bis zu den westlichsten Aleuten-Inseln vor (Reid 2006). Die kanadische Westküste und seine unzähligen vorgelagerten Inseln gehören zur Provinz British Columbia, welche ungefähr die Fläche (des geographischen) Europas einnimmt. Allein für diese Region wird der Bestand des Pazifischen Seehunds gegenwärtig mit 105.000 Exemplaren angenommen (Olesiuk 2010). Anders als im Wattenmeer befinden sich die Ruheplätze der Seehunde nicht nur auf Sandbänken, dies ist in British Columbia eher die Ausnahme, sondern vor allem auf Klippen und kleinen bis kleinsten Felsinseln (Olesiuk 2010)(Abb. 1). Obwohl die Nahrung aus den unterschiedlichsten Fischarten und Invertebraten besteht (Reid 2006), ernähren sich die Seehunde an Kanadas Westküste überwiegend vom Hering (Clupea harengus) und dem Nordpazifischen Seehecht (Merluccius productus), die vorwiegend nachts in Tiefen bis zu 500 Metern erbeutet werden (Olesiuk 2010). Die Gruppen, die sich an Ruheplätzen zusammen finden, bestehen meist aus weniger als zehn bis zu 100 Individuen. Im subarktischen Bereich von British Columbia und auf Vancouver Island gibt es aber auch Stellen, an denen bis zu 500 Tiere gemeinsam ruhen. Mit einer Körperlänge von eineinhalb Metern und einem Gewicht von bis zu 85 kg (bei männlichen Tieren) gehören Seehunde zu den kleinen Robbenarten. Obwohl das bekannte Maximalalter bei 29 Jahren liegt, erreichen Weibchen nur ein durchschnittliches Alter von 10 Jahren, welches bei den Männchen bei 8 Jahren liegt (Olesiuk 2010). Als größter Raubfeind des Pazifischen Seehundes gilt der Schwertwal (Orcinus orca) (Reid 2006).


Abb. 1. Eine Gruppe Pazifischer Seehunde in der Horseshoe Bay.
Foto: F. Velte ©

Pazifische Seehunde kann man auch in der Umgebung von Vancouver beobachten. Horseshoe Bay ist eine Fjord-ähnliche, hufeisenförmige Einbuchtung in die Küste von British Columbia, nordwestlich von Vancouver. Zahlreiche Inseln, vom waldreichen Eiland bis zur kleinsten Felsklippe, beherbergen die unterschiedlichsten Tierarten. Das Städtchen Horseshoe Bay hat einen kleinen Jachthafen und eine Anlegestelle für große Fährschiffe nach Vancouver Island. Mit kleinen Motorbooten, die man hier mieten kann, ist es möglich die genannte, große Bucht zu erkunden. Mit etwas Glück kann man dabei auch auf Pazifische Seehunde treffen. Die Gruppe, die ich im Juli 2011 auf ein paar, aus dem Meer ragenden, Felsen antraf, dürfte etwa zwei Dutzend Tiere umfasst haben. Während der eine Teil an Land ruhte, waren andere im Wasser und tauchten regelmäßig ab. Auch ein Jungtier (Abb. 2) konnte beobachtet werden. Da die Geburtensaison im südlichen British Columbia im Juli und August liegt (Olesiuk 2010), das Jungtier aber rund zwei Drittel der Körperlänge der Adulten hatte, dürfte es im Vorjahr geboren sein. Auffallend war die große Variabilität der Fellfarbe der Pazifischen Seehunde (Abb. 3). Während die meisten Individuen ein braunes oder mittelgraues Fell hatten, gab es auch Tiere mit hellgrau-weißlichem Fell und ein weiteres, welches eine nahezu schwarze Fellfarbe aufwies. Diese erstaunliche Variabilität ist typisch für den Pazifischen Seehund (Reid 2006). Mehrere solcher Gruppen sind aus der Horsehoe Bay bekannt (Olesiuk 2010), die ihre Ruheplätze fast ausschließlich auf Klippen und Felsen im Meer haben. Eine Strategie, welche für diese Robbenart typisch ist, um Begegnungen mit terrestrischen Prädatoren, wie Schwarzbären (Ursus americanus) und Wölfen (Canis lupus), zu vermeiden (Nordstrom 2002).

 

Pazifische Seehunde wurden lange Zeit von den Kanadiern kommerziell genutzt. Zwischen 1879 und 1914 sowie zwischen 1962 bis 1968 wurden diese Tiere unkontrolliert gejagt, um an die begehrten Felle zu kommen. Zwischen 1914 und 1964 wurden zusätzlich Prämien für die Tötung dieser Tiere gezahlt, da sie als Konkurrenten für die Fischerei betrachtet wurden. Es wird geschätzt, dass in dieser Zeit eine halbe Millionen Seehunde ihr Leben lassen mussten. Um 1970 betrug der Bestand des Pazifischen Seehundes an den Küsten von British Columbia nur noch etwa 10.000 Tiere und die Art wurde unter Schutz gestellt. Seitdem nahm die Zahl der Tiere stetig zu und die Population wird gegenwärtig auf 105.000 Exemplare geschätzt. Der Bestand des Pazifischen Seehundes hat nun in etwa die Stärke wie er für 1880 mit 100.000 bis 140.000 Tieren angenommen wird (Olesiuk 2010).


Abb. 2. Jungtier, vermutlich aus dem Vorjahr.
Foto: F. Velte ©


Abb. 3 Variabilität der Körperfärbung beim Pazifischen Seehund.
Foto: F. Velte ©

Dennoch ist die Welt des Pazifischen Seehundes nicht vollkommen in Ordnung. Industrielle Anlagen in der Region um Vancouver und dem benachbarten U.S.-Staat Washington kontaminieren das Meer mit Polychlorierten Biphenylen und Dioxinen. Auch wenn der Gehalt der Polychlorierten Biphenyle in den Meeresgebieten um Vancouver deutlich geringer ist als im amerikanischen Puget Sound, beeinträchtigen sie dennoch die Fitness der Pazifischen Seehunde von British Columbia. Insbesondere Jungtiere zeigen eine reduzierte Immunkompetenz und sind damit anfälliger gegen Krankheiten (Ross et al. 2004). Ein toter subadulter Seehund, den ich an der Küste des Ferienortes Whiterock, in Sichtweite zur amerikanischen Grenze, entdeckte, könnte mit diesem Umstand zu tun haben. Das Tier zeigte keine äußere Verletzung, schien normal genährt, sah aber im Bereich des Gesichtes und der Schnauze eingefallen aus. Auch wenn einige andere Todesursachen in Betracht kämen, wäre eine Erkrankung mit Todesfolge eine mögliche Erklärung.

Literatur

Nordstrom, C. A. 2002: Haul-out selection by Pacific Harbor Seals (Phoca vitulina richardii): Isolation and perceived predation risk. Mar. Mam. Sci. 18: 194-205.

Olesiuk, P. F. 2010. Population Assessment Pacific Harbour Seal (Phoca vitulina richardsi). Canadian Science Advisory Report, Pacific Region, 2009/011.

Reid, F. A. 2006. Mammals of North America. Peterson Field Guides, Houghton Mifflin Co., Boston.

Ross, P. S., Jeffries, S. J., Yunker, M. B., Addison, R. F., Ikonomou, M. G. & Calambokidis, J. C. 2004. Harbor Seals (Phoca vitulina) in British Columbia, Canada, and Washington State, USA, reveal a combination of local and global Polychlorinated Biphenyl, Dioxin, and Furan signals. Env. Toxicol. Chem. 23: 157-165.